Buchenknospe

Der Mann der Bäume

Vor einigen Jahren, im Herbst 1999, habe ich für den Bayerischen Rundfunk einen Dokumentarfilm über die Gegend der Durance in Südfrankreich gedreht. In diesem Film habe ich auch auf den provençalischen Schriftsteller Jean Giono Bezug genommen und ein Interview mit seiner Tochter geführt. Die Erzählung „Der Mann der Bäume pflanzte“ – „L’Homme qui plantait des arbres“ ist ein berührender Text, der heute wegen der immer noch fortgesetzten Naturzerstörung und des Klimawandels noch mehr Aktualität bekommt.

Der Filmausschnitt von 1999 zeigt einige Bilder aus der Gegend um Manosque und ein Gespräch mit Aline Giono.

Buchenblatt

Einige Textauszüge aus der Erzählung von Jean Giono:

„Vor etwa vierzig Jahren machte ich eine lange Fußwanderung auf den von Touristen nicht beachteten Höhen der Alpen, die gegen die Provence sich hinab senken. (…) Ich durchstreifte das Hochland, wo es am breitesten war, und nach drei Tagen befand ich mich in einer unvergleichlichen Wüstenei. Ich kampierte neben einem verlassenen Dorf. Ich hatte seit dem Vorabend kein Wasser mehr gehabt, und so musste ich welches finden. Die wie ein Wespennest dicht gedrängten Häuser, ob zwar zerfallen, brachten mich auf den Gedanken, dass es hier einstmals eine Quelle oder einen Brunnen gehabt haben müsse. Es hatte auch eine Quelle, aber sie war vertrocknet.“

„Nach fünf Stunden Marsch hatte ich noch immer kein Wasser gefunden, und nichts konnte mir die Hoffnung geben, welches zu finden. Überall die gleiche Trockenheit, die gleichen dürren Gräser. Da sah ich in der Feme eine kleine schwarze Silhouette. Ich hielt sie für den Stumpf eines einsamen Baumes. Auf gut Glück ging ich auf ihn zu. Es war ein Hirte. Etwa fünfzig Schafe lagerten auf der heißen Erde und ruhten sich neben ihm aus.“

Buchenknospe

„Man war sogleich übereingekommen, dass ich die Nacht über dableiben sollte; das nächste Dorf war mehr als eine Tagereise von hier entfernt.“

„Der Hirte, der nicht rauchte, holte einen kleinen Sack und schüttete einen Haufen Eicheln auf den Tisch. Er machte sich daran, sie genau zu untersuchen, indem er die guten von den schlechten ausschied. Ich rauchte meine Pfeife. Ich bot mich an, ihm zu helfen. Aber er meinte, das sei schon sein Geschäft.“

„Dieser Mensch verbreitete Frieden um sich. Am andern Morgen fragte ich ihn, ob ich noch den ganzen Tag bei ihm ausruhen dürfe. (…) Er trieb seine Herde aus dem Stall und führte sie auf die Weide. Vor dem Weggehen tränkte er den Sack mit den sorgfältig ausgewählten und gezählten Eicheln in einem Eimer Wasser. Ich beobachtete, dass er an Stelle eines Steckens eine Eisenstange mitnahm, so dick wie der Daumen und ungefähr anderthalb Meter lang.“

„Als er angekommen war da, wo er hinwollte, begann er, seinen Eisenstab in die Erde zu stoßen. So machte er ein Loch und legte eine Eichel hinein, dann machte er es wieder zu. Er pflanzte Eichen. Ich fragte ihn, ob das Land ihm gehöre. Nein, antwortete er. (…) Ich muss sehr hartnäckig gewesen sein bei meinem Ausfragen, dass er darauf antwortete. Seit drei Jahren pflanzte er Bäume in dieser Einsamkeit. Er hatte bereits 100.000 gepflanzt. Von den 100.000 hatten 20.000 getrieben. Von diesen 20.000, so rechne er, werde er noch die Hälfte verlieren durch die Nagetiere oder durch Umstände, die nicht vorauszusehen sind in den Plänen der Vorsehung. Es blieben also 10.000, die hervorsprossten, da, wo es vorher nichts gegeben hatte.“

„Die Eichen von 1910 waren also zehn Jahre alt und höher als ich und als er. Dies Schauspiel war beeindruckend, Ich war buchstäblich sprachlos, und weil er auch nicht redete, verbrachten wir den ganzen Tag damit, dass wir schweigend im Wald herumgingen. Er maß in drei Abteilungen elf Kilometer in der Länge und drei Kilometer in der größten Breite. Wenn man sich vergegenwärtigte, dass dies alles von den Händen und dem Herzen dieses Mannes herrührte, ohne jedes technische Hilfsmittel, dann ging einem auf, dass die Menschen auch in anderen Gebieten so schöpferisch sein könnten wie Gott, nicht nur im Zerstören.“

Buchenzweig

„Er hatte seine Idee weiterverfolgt, und Buchen, die mir bis zu den Schultern reichten, soweit man sehen konnte, bewiesen es. Die Eichen standen dicht und waren über das Alter hinaus, wo die Nagetiere ihnen etwas antun konnten.“

(40 Jahre später) „Alles hatte sich verändert, sogar die Luft. Statt der trockenen und heftigen Winde, die mich einstmals empfingen, wehte ein leichtes Lüftchen voller Wohlgerüche. Ein Murmeln, ähnlich dem des Wassers, kam von den Höhen: Es war der Wind in den Wäldern. Und endlich, das Erstaunlichste, ich hörte richtiges Rauschen des Wassers in einem Becken. Ich sah, man hatte einen Brunnen geschaffen. Wasser gab es genug, und, was mich am meisten rührte, man hatte daneben eine Linde gepflanzt, vor etwa vier Jahren, jetzt schon kräftig, ein nicht anzuzweifelndes Symbol der Auferstehung.“

„Da, wo ich 1913 Ruinen gesehen hatte, erhoben sich jetzt saubere Bauernhäuser, schön verputzt, die von einem glücklichen und angenehmen Leben zeugten. Die alten Quellen, gespeist von den Regen- und Schneefällen, welche die Wälder anziehen, sprudeln wieder. Man hat Wasserkanäle angelegt. Neben jedem Haus ein Ahornwäldchen, und die Brunnen überlaufen in die Teppiche grünen Münzkrautes. Die Dörfer sind nach und nach wiederaufgebaut worden. Eine Bevölkerung ist aus der Ebene, wo das Land teuer geworden ist, heraufgekommen, hat sich hier niedergelassen und hat Jugend, Leben und Unternehmungsgeist mitgebracht. Man begegnet in den Gassen Männern und Frauen, Knaben und Mädchen, die zu lachen verstehen und die wieder Freude bekommen haben an ländlichen Festen. Wenn man die alte Bevölkerung dazurechnet – sie ist nicht wieder zu erkennen, seit sie mit Lust lebt-, so verdanken mehr als 10.000 Menschen ihr Glück (dem Mann mit den Bäumen)“.